ARAMEAN YOUTH UNION – Junge Aramäische Union

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Der Fluch des Seyfo (von Sadik Aslan)

In dem Artikel beschreibt der Kurde Sadik Aslan wie die Kurden, unabhängig von der Zentralregierung, in Eigeninitiative die Christen umbrachten. Er bezeichnet den Mord an den Christen als Sünde die auf den Kurden bis heute lastet. Hier die Übersetzung aus dem Türkischen:

Das Dorf Midyat-Arnas (Baglarbasi) ist 8 km von unserem Heimatdorf Heshtrek/Shtrako (Ortaca) entfernt.

Die in dem Dorf Saleh (Baristepe), Nachbarsdorf von Arnas, lebenden Aramäer wurden Anfang Juli 1915 von den Soldaten und den kurdischen Dorfbewohnern in ihren Häusern ermordet. Die in Arnas mit den Kurden zusammen lebenden 70 aramäischen Familien erfuhren von den Folgen in Saleh. Nachdem sie die Schüsse aus der Richtung Midyat hörten, versuchten sie, mit dem was sie mitnehmen konnten, aus dem Dorf zu flüchten. Die Aramäer, denen die Flucht nicht gelang, wurden seitens der kurdischen Dorfbewohner massakriert.

Neco, der kurdische Aga des Dorfes Arnas, wurde als Jugendlicher von einer aramäischen Familie unterhalten, von ihr großgezogen und er lebte in dieser Familie.
Während des Seyfo (ein Begriff, den die Aramäer für das Jahr 1915; im Sinne von “Schwertjahr“; es ist das Jahr, in dem das Massaker stattfand) griff Neco die aramäische Familie, die ihn großzog, an. Als die Frau des Hauses ihn fragte: „Mein Kind! Hast du uns nicht erkannt?“, lautete seine Erwiderung wie folgt: „Gestern war gestern, heute ist heute!“ Die Ehemänner, die Väter und die Brüder wurden in der Höhle Fero abgeschlachtet, die Frauen wurden als Sklaven zu jedem Zweck beschäftigt und manche gar ermordet.

20 in unserem Dorf Heshtrek/Shtrako lebende aramäische Familien wurden genau in jenen Tagen seitens ihrer kurdischen Nachbarn getötet. Lediglich 12 Jugendliche, die es geschafft haben, zu überleben, konnten flüchten. Die dortige Kirche namens Mor Aday, welche aus dem 1. Jahrhundert zurück blieb, ist nun eine Moschee. Erst zu spät konnte ich es wissen, weshalb diese Mosche mit den Moscheen, die ich später sah, keine Ähnlichkeit hatte.

Auch die Geschichte des aramäischen Nachbardorfes Zaz (Izbirak) kannte ich nicht; das ist jenes Dorf, in das ich, immer an ihrem Rock hängend mit meiner Mutter ging, und die aramäischen Frauen mit all ihren Zärtlichkeiten meinen Kopf streichelten und mir Rosinen, Mandeln und gezuckerte und geröstete Kichererbsen in meine Hosentaschen füllten. 200 Familien lebten dort. Als die kurdischen Stämme meines Heimatdorfes und anderer umliegender Dörfer Zaz belagerten, flüchteten alle in die Kirche Mor Dimot, deren Außenmauer sehr hoch war, und suchten dort Schutz und harrten dort 20 Tage lang aus bis sie durch Hunger und Durst zusammen brachen.

366 Menschen, die sich auf das Ehrenwort der sie belagernden Kurden verließen, wurden – mit Ausnahme von ein paar schönen Frauen – außerhalb des Dorfes verbracht und dort getötet. Wegen des Ausmaßes des Verbrechens sah sich ein aus Midyat kommender Offizier gezwungen, einzugreifen; und er griff ein und rettete die in der Kirche Verbliebenen. Die meisten verließen dann das Dorf und kamen in Folge von Hunger, Krankheiten oder anderen Angriffen um. Später kam wieder eine kleine Gruppe in das Dorf zurück, als die Massaker endeten. Die Frauen, die Rosinen und Mandeln in ihren Taschen trugen, und sie mir gaben, waren die „Überbleibsel des Schwertes“.

Ein anderes aramäisches Dorf war Hah (Anitli) mit der Mutter Gottes Kirche. Das Dorf, in dem die Nonne Sedok, die in ihrer Mutter-Maria-Kirche lebte und bei der eine schwarze Bedeckung ihr leuchtendes Gesicht umgab, gab mir die bis heute die am besten schmeckende Orange, (auch sie soll bereits nach Europa geflüchtet sein; ob sie noch lebt oder nicht, weiß ich nicht). Die Hahoye (Hah-Bewohner/Bewohner aus Hah) hatten 45 Tage lang gegen die Soldaten und die kurdischen Stämme ausgeharrt; in der Kirche, in der Sedok mir die Orange gereicht hatte. Orte, die sich wie Hah widersetzen konnten, sind höchsten drei oder vier in der Anzahl. Alle umliegenden Dörfer spiegeln ein grausames Bild wider: Ob die in Arabaye (Alayurt), Bote (Bardakci), Celik (Celik), Dairo du Slibo (Catalcam), Habisnas (Mercimekli), Kaferbe (Güngören), Kafro ’elayto (Arica), Kerburan (Dargecit), Shehirkan, Yerdo/Erdil (Yamanlar), Kaferze (Altintas) oder in vielen anderen Dörfern lebenden Aramäer; alle sind sie von den eigenen kurdischen Dorfmitbewohnern getötet worden.

Als ich in den Schuljahren in Midyat ein paar Jahre lang die Schulbank zusammen mit meinen aramäischen Schulkameraden Tuma, Musa, Salari, Gabriel, Ishak und anderen drückte und wir zusammenrückten, um uns in den Wintertagen warm zu halten, wusste ich auch nicht, dass damals in Midyat die Aramäer in den Straßen niedergemetzelt wurden, ihnen die Kehlen durchgeschnitten und getötet wurden. Auch erzählten sie es nie; nicht einmal in ihrer lustigen Zeit. Sehr spät konnte ich verstehen, weshalb eines ihrer Augen immer Trauer und Gebrochenheit beherbergte, wie die Mona Lisa. Ihren Schmerz, den sie von ihren Großvätern, Großmüttern, Vätern und Müttern geerbt hatten, hatten auch sie in ihr Inneres eingeschlossen; deshalb war es so. Zurück blieb bei ihnen jene Furcht, die Friedlosigkeit, die nicht vorbei gehen wollende, haften bleibende Ängstlichkeit und Fügsamkeit, die “ein Überbleibsel des Schwertes“ war.

Als Midyat seitens der kurdischen Stämme angegriffen und belagert wurde, zeigte der Kalender das Datum 19. Juli 1915. Ein Angebot seitens der Regierung, der kurdischen und Muhallemi-Stämme, sich zu ergeben, wurde seitens der Führer der Aramäer, Hanna Safer und Isa Zate abgeschlagen. Die Angriffe dauerten zehn Tage bis zum 29 Juli. Dann brach der Widerstand zusammen. Die Aramäer suchten Schutz in der Kirche Mor Sharbil und in der Residenz der Adoka Familie. Hanna Safer, einer der aramäischen Führer, wurde festgenommen und als Geschenk für Abdullaharak mit dem eigenen Schwert geköpft. Sein Kopf wurde – auf einer Holzlanze aufgesetzt – und in den Straßen von Midyat vorgeführt. Die, die sich aus dem Feuer, dem ein Wohnviertel ausgesetzt wurde, retten konnten, wurden an Ort und Stelle umgebracht. Öffnungen wurden an den Dächern angebracht und Feuer in die Häuser geworfen. Alle erstickten durch die Feuer. Frauen und Kinder, die sich in zwei andere Wohnviertel retteten, wurden durch die Todestruppen umgebracht. Die meisten, die durch die geöffneten Tunnel fliehen wollten, wurden getötet. Die jungen Männer wurden von den Dächern der Hochhäuser mit dem Kopf zuerst nach unten geworfen. Die Köpfe hunderter männlicher Kinder wurden mit den Hufeisen der Pferde zerquetscht. Aus Midyat blieb nur ein Haufen Brandschutt übrig.

Nach einer Weile, als das Massaker aufhörte, wurden im Tur Abdin (das Gebiet, dessen Zentrum Midyat ist und sich im Westen bis Mardin, im Süden bis Nusaybin, im Norden bis Hasankeyf und im Osten bis Cizre erstreckt) 7.000 Aramäer ermordet. Dadurch, dass in sehr wenigen Orten wie Ahlah (Narli), Bequsyone (Alagöz), Der Qubbe (Karagöl), Mar Bobo (Günyurdu) und Zinavrah die Aramäer durch manche Kurden in Schutz genommen wurden, wissen wir nicht, wie viele unserer Sünden uns vergeben werden.

Früher, als ich noch ein Kind war, wurden manchmal in meinem Umfeld „Heldengeschichten“ aus der „Fermana Fileha“ Zeit erzählt. Ich konnte nicht herausfinden, von welcher Zeit die Rede war bzw. welcher Zeit es entsprach. Meine zeitliche Vorstellung konnte maximal ein paar Jahre umfassen. Der Rest war dunkle Zeit. Zu der dunklen Zeit gehörend, dessen Grund ich wiederum nicht wusste, flossen dunkle Sätze in meinen jungen Gaumen. Sätze wie: „Wer sieben Ungläubige tötet, geht ins Paradies“; „Die Handinnenfläche des Tötenden erhält die Farbe des Regenbogens und er geht ins Paradies“. Ein anderes Beispiel: Der Hanna aus Hah, dessen Schwiegertochter entführt und als Nebenfrau neben drei anderen Frauen gemacht wurde, kam zu meinem Opa und brachte seine tiefe und traurige Beschwerde vor und sagte: „Wir sind doch eure Waisen, warum wurde dies uns angetan?“
Und danach wurden wir, Kinder von unseren Müttern, Vätern, älteren Frauen und älteren Männern ermahnt, weil wir auf den staubigen Straßen hin und her rannten und niemanden in Ruhe ließen: „Arnawit! [Albaner]“, „Yezidi!“ [sog. Teufelsanbeter], „Ermeni“ [Armenier], „Serfilleh!“ [Christl. Haupt(?)] Das letztere kam so richtig pompös herüber; vollmundig, voller Groll.

Wenn Sie dann anfangen, die Wahrheit zu erkennen, dann werden ihre unschuldigen und liebevollen Erinnerungen an die aramäischen Frauen in Zaz, an die engelhafte Nonne in Hah, an die aramäischen Freunde in Midyat zunichte. Dieses Gefühl erwischt einen wie ein Lasso; wickelt einen ein und presst richtig zusammen. Ein großer Klumpen kommt dann in den Hals und sitzt fest. Dann erwischen Sie den Blick eines Aramäers, der so eingeengt ist, dass er nicht einmal seine letzte Attacke, zwecks Verteidigung, ausführen kann. Sie verstehen dann die Bedeutung in jenen Augen. Es ist wie jener Blick in den Augen Jesu, der seinerzeit am Kreuze diese Worte sprach (in Altaramäisch): „Vergib‘ ihnen, mein Gott!“.

In der Regel sagen wir – bzw. wir kennen es auch so -, dass die Massaker seitens der Regierungskräfte und der ihrerseits organisierten Banden ausgeübt wurden. Die Rolle des Volkes, das heiß der „Barfüßigen“, wird oft übersehen. Leider erzählen uns insbesondere im Tur Abdin die historischen Tatsachen ganz andere Wahrheiten. Selbstverständlich gilt dieser Fall mancherorts auch für das Massaker an den Armeniern. Die Massaker an den Aramäern waren Ergebnisse hauptsächlich auf lokaler Ebene organisierter Attacken, von denen die Zentralregierung nicht immer Bescheid wusste. Die Angriffe erfolgten hauptsächlich durch die Initiativen des Volkes. Der Grund dafür war religiös und wirtschaftlich. Die meisten einheimischen Aramäer waren Landwirte, deren Nutzflächen groß waren; sie lebten in großen Dörfern.

Schließlich wurden u. a. durch intensive, religiöse Propaganda die moslemischen, kurdischen Nachbarn dermaßen aufgestachelt, dass sie es auf die besagten Ländereien, Häuser, Wertgegenstände und Frauen ihrer aramäischen Nachbarn, mit denen sie seit Jahrhunderten zusammen lebten, absahen und eine nicht hinnehmbare Brutalität zu Tage legten. Es gab sehr Wenige, die sich gegen das Massaker auflehnten. Jene herrschende Richtung wurde generell „bejaht“ und wortkarg hingenommen. Als der Täter brutal Gewalt ausübte, wurden die Nichtssagenden auch beschmutzt. Sie tragen Mitschuld.

Dem Seyid Riza wurde seitens des Kazim Karabekir der Titel „Dersim General“ vergeben, weil er im Jahre 1918 Erzincan rettete. Unter den Gefangenen war auch der Freund des Seyid Kazim, der armenische Kommandeur Bogas Pasa. Zu Seyid Riza sagte er: „Mein Pate, ich habe etwas, was ich dir ins Gesicht sagen will. Du hast etwas Falsches getan. Das, was ihr uns antut, wird morgen euch, den Kurden, auch angetan. Vergiss‘ nicht meine Worte! Auch ihr werdet dran kommen.“

In den Tagen des Massakers in 1915, als die armenischen Frauen in Gruppen von Erzincan abgeführt wurden, um dann unterwegs ermordet zu werden, sagten sie zu den Moslems, die das Massaker verübten und den Plünderern: „Diese Gebiete werden euch nicht zuteil werden. Hier wird nicht euer sein. Ihr werdet hier keinen Frieden finden.“

Zur gleichen Zeit, nach dem Massaker in Hakkari, schaute sich eine nestorianische Frau (von den Ostaramäern), die von ihrem eigenen Land vertrieben wurde, ein letztes Mal um. Sie sagte weinend: „ne bi xatirê we birano“. [kurdisch: „Ich hoffe Brüder, ihr werdet nicht in Frieden leben“]

Vielleicht ist es so, dass ihre Prophezeiungen oder ihre Flüche erfüllt wurden, so dass auch nach „ihnen“ die Todesfälle nicht aufhörten in diesen Gebieten. Das, was wir tun können, um diesen Fluch und unsere Sünden von uns loszuwerden, haben wir vielleicht noch nicht getan; deshalb blutet immer noch ein Kloster im Tur Abdin.

Quellen:
– David Gaunt’s „Massaker, Widerstand und Beschützer“
– Ahmet Kahraman‘s „Kurdische Aufstände“
– Aysegul Altinay-Fethiye Çetin‘s Bücher mit den Titeln „Enkelkinder“
und einige mündliche Quellen wurden verwendet.

Artikel entnommen aus dem Blog Politik Art:
Blog Politik Art

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. November 2012 von in Artikel über Aramäer, Völkermord - Christenverfolgung.

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