ARAMEAN YOUTH UNION – Junge Aramäische Union

We are the future!

Verfolgt, verjagt – Mossuls letzte Christen

Irakische Christen feiern Weihnachten in Bagdad

Christen feiern Weihnachten in Bagdad. Doch auch die irakische Hauptstadt ist nicht mehr sicher.

Mossul – die Stadt im Irak ist heute Al-Kaida-Metropole. Es gilt eine radikal-islamistische Doktrin. Einst lebten hier auch 100.000 Christen. Inzwischen sind fast alle geflüchtet. Die, die noch da sind, sitzen auf gepackten Koffern. Eine Reportage.

Von Martin Durm, SWR

Eigentlich wäre spätestens hier die Zeit, ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken. Vater Gabriel scheint allerdings nicht mal daran zu denken, um himmlischen Beistand zu bitten. Er zündet sich eine Zigarette an und sagt nur: „Da vorne – das ist Mossul.“

Die Stadt taucht drohend aus einer gelblichen Staubwolke auf – erste Häuserfronten, Minarette, Fabrikruinen. Je näher wir kommen, desto feindlicher wirkt sie. Eine Lastwagenkolonne kommt uns entgegen. Überladen, mit schwankender Fracht und hoher Geschwindigkeit ,fahren sie an uns vorbei. Sie haben hinter sich, was uns noch bevorsteht: die Checkpoints. Und die letzten Kilometer vor Mossul, auf denen immer wieder mal Sprengsätze explodieren. Links und rechts der übliche Auswurf arabischer Landstraßen: Rostige Ölfässer, zerfetzte Reifen, ausgeschlachtete Autowracks.

Zwei, vielleicht drei Millionen Menschen leben in Mossul. So genau weiß das niemand. Mossul ist mittlerweile Iraks Al-Kaida-Metropole. Hier haben Dschihadisten freie Hand, hier können sie alles und alle bekämpfen, die sich nicht ihrer radikal-islamistischen Doktrin unterwerfen. In den vergangenen zehn Jahren sind fast alle Christen aus Mossul geflüchtet. 100.000 lebten dort. 5.000 sind übrig geblieben.

„Die, die noch da sind, sitzen mit Herzklopfen auf gepackten Koffern“, sagt Vater Gabriel. „Die Regierung behauptet zwar, dass sie die Christen schützt. Aber das ist nicht wahr. Es gibt keinen Schutz in Mossul.“

„Wir sind die Wurzeln des Christentums“

Vater Gabriel ist der Abt des 40 Kilometer entfernten Klosters Alquosh. Er ist der einzige Geistliche, der sich noch in die Stadt traut. Was in den vergangenen zehn Jahren in Mossul geschah, geschah auch in Bagdad, in Basra und vielen anderen irakischen Städten. 61 Kirchen wurden bislang zerstört, 970 Christen ermordet: Bischöfe, Priester, einfache Gläubige. Unter dem zunehmenden Druck radikaler Islamisten verlassen die irakischen Christen ihr Land: chaldäische Katholiken, syrische Katholiken, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Apostolische – alle Nachkommen der christlichen Urgemeinden im Zweistromland. Mit ihnen verliert der Orient einen prägenden Teil seiner Jahrtausende alten christlichen Kultur.

„Wir sind die Wurzeln des Christentums, wir haben den Kirchen viel gegeben, den Ritus, die Liturgie“, sagt Louis Sako, der Erzbischof von Kirkuk, den ich vor der Reise nach Mossul besucht hatte. Orientalische Kirchenführer wie er erleben die Umbrüche in der arabischen Welt als bedrohliche Entwicklung für die Christen im Nahen Osten: „Wir alle sind skeptisch, was die Folgen des arabischen Frühlings angeht. Für uns ist das kein Frühling. Es wäre einer, wenn die, die jetzt überall an die Macht drängen, uns Christen gleiche Rechte gewähren würden. Wenn sie ein gemeinsames großes Projekt hätten: nämlich Staat und Religion zu trennen. Aber wenn jetzt nur eine Diktatur gegen eine andere ausgetaucht wird – schrecklich.“

Exodus – ausgelöst durch den Irakkrieg

Im Jahr 2000 lebten noch eineinhalb Millionen Christen im Irak. Heute sind es noch 300.000. Der Exodus ist Teil einer Flüchtlingskatastrophe, die durch den Irakkrieg ausgelöst wurde. Der Einmarsch der US-Amerikaner am 20. März 2003 beendete die Diktatur Saddam Husseins zwar überraschend schnell. Doch danach folgten nicht Freiheit und Demokratie, sondern Terror, Anarchie, brutale Machtkämpfe zwischen Schiiten und Sunniten. 2,2 Millionen Iraker flüchteten in den vergangenen Jahren aus den Todeszonen des Bürgerkriegs. Fast die Hälfte der Verjagten sind Christen.

Sandsäcke, Stacheldraht, Kalaschnikows

„Jetzt sind wir im Stadtgebiet von Mossul“, sagt Vater Gabriel. Und ich sehe durch die Frontscheibe hindurch auf verwahrlosten Straßen all das militärische Gerät und die Gestalten einer nahöstlichen Bürgerkriegssszenerie: Verhüllte Männer mit Kalaschnikows über den Schultern, Sandsäcke, Stacheldraht, herumlungernde Kinder und an den Kreuzungen große Geländewagen mit aufgeschweißten Maschinengewehren. Sie stammen noch aus der Zeit der amerikanischen Besatzungszeit. Als die US-Truppen abzogen, übernahmen die Islamisten. Mossul wurde zur gefährlichsten Stadt im Irak. Und sie ist es noch immer. „Fahren wir lieber hier runter“, sagt Vater Gabriel, weil plötzlich vor uns nichts mehr geht. Bewaffnete mit ausrasierten Bärten und knöchellangen Gewändern stehen mitten auf der Straße und schauen in jedes Auto hinein, das im Schrittempo an ihnen vorbei muss. Wir wollen umdrehen. Aber da klopft schon einer gegen die Scheibe, und nun wirkt auch Vater Gabriel etwas nervös. „Sag‘ jetzt kein Wort.“ Er öffnet das Fenster einen Spalt und ruft nach draußen: „Chabibi – mein Lieber – wie geht’s hier zur Sadekstraße?“ „Da lang“, bekommt er zur Antwort. Ein paar Straßenecken weiter wohnt die Familie, die wir besuchen. Das Haus liegt in einer Gasse und ist wie die meisten irakischen Häuser von einer mannshohen Mauer umgeben, davor ein blaues, massives Eisentor. Es ist Mittagszeit, das Viertel scheint ruhig. Direkt neben dem Eisentor steigen wir aus dem Auto. Im gleichen Moment sind ein paar Blocks weiter Schüsse zu hören.

„Wir sind in einer furchtbaren Lage“

Vater Gabriel rüttelt am Tor. Drei Frauen öffnen uns, eine Mutter und ihre zwei Töchter. Sie führen uns in ihr Wohnzimmer. An den Wänden hängen Bilder der Jungfrau Maria, des auferstandenen Christus und ein Hochzeitsfoto aus glücklichen Tagen. Wir reden darüber, unter welchen Bedingungen ein Interview gemacht werden kann. Keine Namen, keine Ortsangabe, kein Foto: „Wir sind in einer furchtbaren Lage“, sagt die ältere Tochter. „Wir können nicht mal mehr auf den Markt gehen – außer, einer unserer Brüder oder Cousins ist dabei. Wir müssen ständig damit rechnen, dass irgendwo eine Autobombe hochgeht oder geschossen wird. Bagdad ist für Christen ja auch nicht mehr sicher. Ich war dort. Aber für mich ist Mossul viel schlimmer als Bagdad. In Bagdad kann es dir wenigstens ab und zu mal passieren, dass noch jemand freundlich zu dir ist. Aber hier in Mossul…“

Die Mutter schweigt und reicht Tee. Er schmeckt süß und nach Minze. „Wenn wir auf der Straße gehen und in einen Checkpoint der irakischen Armee geraten, haben wir jedes Mal Angst, dass dort einer der Soldaten die Terroristen anruft und uns an sie verkauft. Das ist hier schon oft vorgekommen. Wenn wir rausgehen, müssen wir sogar die Kleider anziehen, die sie verlangen: Schleier, von Kopf bis Fuß“, erzählt die junge Frau weiter. Sie schaut Vater Gabriel an, der auf den Zuckerwürfeln in seinem Glas herum stochert. Bei jedem Besuch hofft er, dass die Frauen noch da sind. Aber er weiß auch, dass sie nur weg wollen.

Der Fehler von George W. Bush

Im Irak ging es den Christen unter Saddam Hussein weder schlechter noch besser als den Muslimen im Land. Wer Pech hatte, kämpfte und starb in seinen Kriegen. Wer aufbegehrte, wurde in seinen Gefängniszellen zum Verstummen gebracht oder durch Folter gebrochen. Die meisten Christen machten es wie alle anderen. Sie arrangierten sich, sie überlebten mit einem Regime, das ihnen zumindest erlaubte, sonntags zur Kirche zu gehen, Weihnachten und Ostern zu feiern. Erst 2003 änderte sich die Lage der Christen dramatisch. Der damalige US-Präsident George W. Bush erklärte dem Irak nicht nur den Krieg. Dies sei ein Kreuzzug, tönte er. „Das war ein großer Fehler“, sagt Vater Gabriel. „Er hätte dieses Wort nie benutzen dürfen. Als die Amerikaner das Land besetzten, erklärte man uns zu ihren Spionen. Warum? Weil die Amerikaner eben auch Christen sind. Bis heute leiden wir darunter.“

Dieser Beitrag lief am 23. Dezember 2012 um 18:40 Uhr im Deutschlandfunk.

Quelle: tagesschau.de

Advertisements

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Dezember 2012 von in Artikel über Aramäer, Völkermord - Christenverfolgung.

Neueste Twitter Meldungen!

Aktuelle Veranstaltungen!

Spendenaktion für die Aramäer und Christen in Syrien:


Vergesst uns nicht!

Deutschland steh zu deiner Verantwortung! Petition Unterschreiben!

Der Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern, über 500.000 Aramäern und anderen christlichen Minderheiten, die Straflosigkeit der Täter, wird von Historikern als Blaupause für den Holocaust und weitere Völkermorde bezeichnet. Bereits Adolf Hitler sagte bei seiner zweiten Rede vor den Oberkommandierenden auf dem Obersalzberg am 22. August 1939 „Wer redet denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?“. Die Leugnung eines Völkermords und die Straflosigkeit der Täter stellt einen Nährboden für weitere Völkermorde dar, welche heute immer noch stattfinden! Stoppt die Leugnung von Völkermorden und die Verunglimpfung der Opfer durch die Täter und ihre Nachfahren!

Yes, You Can Say ‘Genocide,’ Mr. Prim Minister Erdogan!

Aktuelle Bildergalerie

Archiv Kalender

Dezember 2012
S M D M D F S
« Nov   Jan »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031  

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 877 Followern an

Kategorie

Archiv

%d Bloggern gefällt das: